
Samstag, 2. Juli
Mit dem Zug fuhr ich nach Rapperswil, wo mich Alfred abholte. Zusammen fuhren wir nach Bad Ragaz, wo wir unsere Gletschertour um 8.15 Uhr starteten.
Es war sonnig, etwas frisch, aber angenehm zum Fahren. Noch nie fuhren wir zusammen, aber schon in der ersten Steigung nach Lenzerheide, wo ich das Tempo bestimmte, merkte ich sofort, dass wir gleich stark sind. Nie musste ich fragen, ob ich zu schnell fahre. Sein Schatten und sein feines, leichtes Keuchen, spürte ich im Nacken. Schon nach wenigen Steigungsmetern, lief uns der Schweiss über das Gesicht und so waren wir froh, bald in höhere Gefilde zu kommen. Nach dem flachen Zwischenstück bis nach Churwalden, merkte ich in der ruppigen Steigung nach Parpan, wie sich mein Rücken wegen dem Rucksack bereits bemerkbar machte.
Wir freuten uns wie kleine Kinder, den ersten «Hügel» geschafft zu haben.
In der darauffolgenden Abfahrt fährt man auch durch Lantsch, wo am 21. August das «Alpen-Challenge» stattfindet. Kurz nach Alvaneu-Bad machten wir unsere erste «Biberli-Pause». Fein herausgeputzte Bauern-Traktoren fuhren an uns vorbei, welche sich in dieser Gegend trafen. Ein Lärm und Gestank – nichts wie weg hier.
Dann nahmen wir das Flachstück in Filisur unter die Räder. Trotz Rückenwind gilt es hier, eher verhalten zu fahren, kommt doch gleich der harte Anstieg nach Bergün. Wer hier zu schnell fährt, büsst das im oberen Teil. Schrecksekunden nach Preda. Baustelle Nummer 1, mit grobem Schotter (ganze Strassenbreite) galt es zu durchfahren.
Nach guter Krafteinteilung, verlangte ich trotz guter Verfassung, 5km vor der Passhöhe einen kurzen Biberlihalt. Dafür beschlossen wir auf dem Albula nur den Regenschutz anzuziehen und sofort runterzufahren, um in LaPunt einen Kaffehalt zu machen.
Im unteren Teil des Albula, brausten uns viele Töfffahrer um die Ohren, im oberen Teil, war es fast erschreckend ruhig. Praktisch kein Verkehr, was mich zur Bemerkung verleitete: Ganz schön ruhig. Alfred fühlte sich betroffen, der den ganzen Aufstieg hinter mir fuhr und rief: «ich kann nicht reden während dem Aufstieg». Gut gelaunt, das letzte Tageshindernis gemeinsam geschafft zu haben, brausten wir zu Tal.
Alfred fuhr etwas früher los, da er ein sehr vorsichtiger Abfahrer ist. Ca. 2 Min. hatte er Vorsprung.
Geschwindigkeitsrekord
Die Albula-Abfahrt werde ich so schnell nicht vergessen. Rückenwind und nicht wenig. Das verleitete mich zum Versuch, meinen Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Und tatsächlich, bei den langezogenen Kurven, kurz vor der ersten Haarnadelkurve, knackte ich das erste Mal die 90km/h. Ein «Sonntagsfahrer» verhinderte ein noch höheres Tempo. Gleich beim Höchsttempo überholte ich Alfred. Später sagte er dann: Das hat nur gerauscht. Es war echt der Hammer.
Schlecht-Wetter war eigentlich angesagt, in der Region Landeck. Aber es war Bise. Konkret heisst das: GEGENWIND durchs Unterengadin. Am Nachmittag herrscht da immer Rückenwind. Der Gegenwind machte uns richtig kaputt und wir hatten kein Wasser mehr. Zum Glück gibts ja die Tankstellen-Shops, die immer offen haben. Nach der Stärkung in Martina an der CH-Grenze, hatten wir noch rund 30km zu bewältigen. Nach den 173km war ich froh, im Hotel angekommen zu sein, war ich doch ziemlich erschöpft.
Im Hotel Innerhofer in Tösens tankten wir mit einem feinen Znacht und Dessert neue Kräfte. Dann galt es den Sonntag zu organisieren. Um 6 Uhr wollten wir Morgenessen. Da keine Brote da waren, gäbe es aber erst gegen 7.30 Uhr was zu knabbern. So beschlossen wir ohne Morgenessen loszufahren und legten uns noch vor 22 Uhr schlafen.

Sonntag, 3. Juli
2. Tag, der Wecker klingelt um 5.45 Uhr. Morgentoilette, packen und um 6.20 starteten wir unsere Monsteretappe. Kühle Morgenfrische, etwas bewölkt; ideales Velowetter. Der Schweiss und die Müdigkeit vom Vortag waren weg. Die flachen ersten 10km brauchten wir, um in der Frische wach zu werden. Sehr motivierend, wenn man einem Velofahrer, der ca. 200'000 Höhenmeter im Jahr zurücklegt, eine Passstrasse zeigen kann, die er noch nicht kennt.
39 km beträgt die Steigung, die in Prutz (860m) ihren Anfang nimmt und auf 2750m endet.
Noch nie bin ich einfach so, ohne Morgenessen in eine Steigung gefahren, aber wir wussten, dass wir in Feichten, einem kleinen Plateau in irgendeinem Hotel das Frühstück einnehmen würden.
Schon nach wenigen Kilometern, wies uns ein Veloschild auf einen Schotterweg, um ein Tunnel ohne Licht zu umfahren. Wieder auf der Strasse ging es leicht ansteigend weiter, bis zur nächsten Baustelle, die es wahrlich in sich hatte. Lang, staubig, zum Teil grobkörnige grosse Steine. Jetzt nur kein Defekt dachte ich mir. Unsere Räder hielten aber der 500m Baustelle stand. Gleich nach dieser Baustelle zogen wir unsere Regenjacken aus, langsam bekamen wir warm. Ein Griff in den Rucksack, ein Biberli in den noch leeren Magen und weiter gehts. Ohne ein Steigungszeichen befand ich mich sogleich in einem der steilsten Passagen, immer noch das trockene Biberli im Mund und in der Hand. (Ein 14%-Schild bemerkte ich dann in der Rückfahrt) Zum Glück nur kurz und schon befanden wir uns auf der besagen Hochebene mit einigen kleinen Dörfern mit lustigen Namen. Kurz vor der Mautstelle in Feichten, brennte in einem Hotel schummriges rotes Licht. Da kehren wir ein, sagten wir uns. Genau 1 Stunde sassen wir im Sattel.
Für 8 Euro assen wir ein reichhaltiges, königliches Frühstück. Gestärkt fuhren wir weiter; den Rucksack durften wir im Hotel deponieren.
Der Gletscher ruft
Bis zum Stausee geht es treppenartig bergwärts. Kurze ruppige Steigungen lösen, längere «Flachstücke» (1-3%) ab. Schon die Staumauer im Blickfeld beginnt die erste Kehre, nummeriert mit der 29. 4 sind es, dann erreicht man die Staumauer-Krone des Gepatsch-Stausees. Eine letzte Möglichkeit der Erholung, dient das 5.5km lange Flachstück am See entlang, bis es auf 1750m in die Schlusssteigung hineingeht (1000Hm auf 12.5km). Die Steigung wird nur durch eine kurze steile Abfahrt unterbrochen. Danach gehts in engen Kehren (12%) himmelwärts mit gewaltiger Aussicht auf den Stausee. Kein Verkehr, ruhig, Natur pur. Sensationell. Alfred fühlt sich in der Steigung im Element und bestimmt das Tempo.
Einzige Verkehrsteilnehmer waren ein Münchner-Bus, der uns mehrmals überholte, um wieder auszusteigen und die Umgebung zu erkunden, sowie eine Ziegenherde auf der Strasse auf etwa 2000m. Auf dieser Höhe kommt auf der linken Seite der Gepatschferner zum Vorschein, dessen Gletscherzunge ursprünglich bis zum Stausee runterreichte und etwas höher fährt man am kleinen Gletscherseelein «Weisssee» vorbei.
Plötzlich kam Bewegung in unser Tempo. Alfred erhöhte das Tempo, ich konnte nicht folgen. Die noch zu fahrenden Kilometer fössten mir Respekt ein und ich wollte unbedingt die Kraftreserven gut einteilen, so fuhr ich mein Tempo weiter. Dann sah ich den Grund: Ein anderer Radfahrer vor uns. Dies beflügelte mich automatisch auch und ich näherte mich wieder Alfred und überholten den bärtigen, gutgebauten (über 80kg) Deutschen gemeinsam, bis mich Alfred zum wiederholten Male stehenliess.
Bei der Kehre 3 kanns ja nicht mehr weit sein. Die grünen Grasflächen machten Steinen Platz, es sieht aus wie auf dem Albula, wir fahren an ersten Schneeflächen vorbei.
Neue Kraft in mir, Alfred wird langsamer, Kehre 1 naht, letzte Kurve und ich kann zu Alfred aufschliessen, so fahren wir gemeinsam aufs Dach der Tour. Gewaltig, herrlich, unglaublich.
Kurzer Kaffeehalt, Fotos und schon gehts wieder runter. Erst bei der Abfahrt merkte ich die Kälte hier oben. Der ganze Körper und das Velo «schüttelte» es durch. Zum Glück fährt Alfred so gemütlich die Abfahrten runter, so hatte ich herrlich Zeit, noch Fotos zu machen.
Wieder zurück in unserem Frühstückshotel traf ich als erster ein. Nanu, wo ist denn Alfred? Hatte ihn doch gar nicht überholt. Ein mulmiges Gefühl kam in mir hoch, welches sich bald wieder legte. Alfred kam doch noch. Er fuhr auf der anderen Seite (längere Seite) des Stausees entlang. Diese Strasse, obwohl geteert, ist offiziell gar nicht auf der Karte eingezeichnet.
Wieder mit dem Rucksack auf dem Rücken rasten wir weiter. Huch, die Baustelle haben unsere Räder gut überstanden, dann freie Fahrt bis Prutz, welches wir nach 1 Stunde erreichten. Auf gut ausgeschilderten Radwegen, rollten wir nach Landeck, wo wir ausserhalb der Stadt, eine weitere Pause einlegten. Abzweigung zur Bieler Höhe, die 46km lange Anfahrt zur Passhöhe beginnt. Und was spürt mein Körper? JA, Rückenwind. 
Plötzlich waren wir zu dritt
Es ist 13.30 Uhr, meiner Meinung nach kehrt der Wind immer um die Mittagszeit, so freute ich mich auf gute Windverhältnisse bis oben. Das Tacho bewegt sich zwischen 32-35km/h, an einem Fluss entlangfahrend. Die erste Steigung beginnt durch eine Galerie, wonach es wieder flach wird und wir durchfahren die Ortschaft «SEE».
Rückenwind und jenseits der 30km-Marke. Wenn es so weitergeht, dann werden wir mehr als 1 Stunde auf die Marschtabelle Vorsprung haben.
16km sind wir schon ins Tal reingefahren, als uns eine Gruppe Radfahrer in Zeitfahr-Haltung in hohem Tempo entgegenrauschte. Es sah aus, als hätten sie Rückenwind. Kaum gedacht, merkte nun auch ich, dass der Wind gekehrt hat. Das Tacho zeigt auch nur noch 27-29 an.
Der Wind wurde immer stärker und noch 30km bis zur Passhöhe. Scheisse, war nur der Vorname, was wir dachten...
So lösten wir uns regelmässig ab, um das Tempo einigermassen gleichmässig hoch zu halten. Endlich erreichten wir Ischgl, das «Mallorca im Winter». Viele neue Hotelkomplexe werden ganz nah der Seilbahnen gebaut! Danach so einige Galerien, welche neu gebaut wurden. Galtür naht, welches durch eine Lawine grösstenteils verschüttet wurde.
Das lustige Speckbrot
Die ersten Sonnenstrahlen drückten durch die immer noch recht grosse Wolkendecke und erwärmte unsere Herzen, aber unsere Kraft war so ziemlich aufgebraucht, eine Pause notwendig. Erschöpft setzten wir uns in ein Restaurant und verlangten nach etwas Essbarem. So kriegten wir ein belegtes Speckbrot. Genau das richtige. Hungrig verschlang ich die ersten Bissen. Zuerst die Tomatenscheiben, dann das was aussah wie Sellerie, sich aber als Meerrettich entpuppte. Den ganzen «Haufen» im Mund, spürte ich die Tränen aus meinen Augen schiessen, hochroter Kopf, meine Zunge «brannte»; das Zeugs musste gleich wieder raus! In diesem Moment lief der Kellner vorbei und fragte halb ironisch und mit einem schälmischen Grinsen: «Na ist es scharf?»
Ich hätte ihn umbringen können!!!! Zum Glück hatte ich einen halben Liter Radler vor mir stehen. Dann lag da auch noch eine grüne Chili. Ich wusste die rote ist sehr scharf. Aber die Grüne? Vorsichtig nahm ich einen Bissen. Scheisse, das war ja noch schärfer als der Meerrettich. Einfach unglaublich, was wir hier vorgesetzt bekamen.
Alfred, anscheinend gewohnt, ass fast alles auf. Er ärgerte sich mehr über den Gegenwind und die zu sanfte Steigung. Irgendwie überwindet man kaum Höhe, obwohl wir schon 100min. in der «Steigung» zurücklegten.
Frisch gestärkt fuhren wir die letzten 10km der Passhöhe entgegen. Trotz Sonntag, hatte es sehr wenig Verkehr. Die letzten 5km sind wie der Bernina zu fahren.
Herrlich. Nur die letzten 2km waren richtig steil und man bekam auch das Gefühl, dass man einen 2000er-Pass überwindet.
Kaum oben angekommen, fuhr Alfred gleich weiter, um in der 15km langen Abfahrt ein Vorsprungs-Polster herauszufahren. So konnte ich in Ruhe noch Fotos schiessen.
150km waren nun zurückgelegt und es geht nur noch bergab und flach weiter. 45km nach Bludenz, zeigt ein Schilld an. Aber mit GEGENWIND!! Die Zeit war auch schon fortgeschritten, es war 16.30 Uhr.
In Partenen hatten wir in unendlich vielen Serpentinen 1000Hm verloren, die Neigung wird weniger, aber man konnte wieder hohe Tempis fahren. Das war auch nötig, wussten wir nicht, wieviele Pausen wir noch benötigen, oder ob die Kraft bis Bad Ragaz ausreicht. Die Fahrt nach Bludenz unterbrachen wir nur mit einem Wasserhalt. Die Brunnen in Oesterreich sind etwas rarer gestreut, als in der Schweiz.
Vor Bludenz wurden wir auf einen Radweg verwiesen, bis nach Feldkirch. Ein sehr schöner Abschnitt, kamen wir an 2 wunderschöne Seelein vorbei, welche von Fischern bevölkert war. Dieser Anblick sieht man von der Autobahn nicht. Schade.
Es ist 19 Uhr, Feldkirch ist erreicht und schon 220km in den Beinen. Der Radweg lotste uns kreuz und quer durch Wiesen und Auen, so haben wir natürlich zusätzliche Km zurückgelegt. An einem Tankstellen-Shop machten wir 20min. Pause und stärkten unseren Magen mit Biberli. Alfred gönnte sich noch eine Glace.
Die letzten Reserven
Kurz nach dieser Pause mussten wir auch noch eine Umleitung fahren, zur Schweizer-Grenze, was zusätzlich Zeit und Km kostete. An der Grenze fuhren wir bis Bad Ragaz auf dem Rheindamm. Das Tempo war trotz Gegenwind immer auf 30-31 und gewisse Körperteile spürten / schmerzten mehr als sonst. Auf der Höhe von Sargans macht der Rhein einen Links-Knick. Hey, Rückenwind!! Mit der Vorfreude, bald am Tagesziel zu sein, erhöhte ich automatisch das Tempo. Da kann mich nichts mehr halten. Ein kurzer Blick nach Links, aber da war kein Schatten mehr hinter mir. Alfred konnte nicht folgen. Da merkte ich, dass auch er müde war.
Um 20.30 Uhr erreichten wir das Auto in Bad Ragaz. Ein tolles Gefühl, gemeinsam eine so lange Tour geschafft zu haben.
Die folgenden 3 Tage war der Schreiberling total kaputt, erst am Donnerstag spürte ich die positiven Auswirkungen der Tour. Mehr Kraft in den Beinen und eine aufsteigende Formkurve.
Ich habe so einen neuen gleichstarken Velopartner gefunden. Das ist Hobbyradcup.
Gemeinsam Touren zu fahren: Das ist Hobbyradcup.
Gemeinsam viele Punkte sammeln: Das ist Hobbyradcup.
Vereinsausfahrten
Die doppelten Punktezahlen bei den Vereinsausfahrten kommen sehr gut an. Durchwegs verzeichnen die Vereine mehr Teilnehmer an den Ausfahrten.
Es gibt sogar zwei Gruppen, wo es notwendig wird. Eine Speed-Gruppe (für die schnellen) und eine Gentlemen-Ausfahrt (für die Plauschfahrer).
Der Veloclub Riehen und Wettingen machen das professionell und gelten als Vorbilder.
Wettingen hat eine Marathonisti-Gruppe gegründet. So fahren sie an Samstagen oft um die 200 km mit einigen Höhenmetern. Gerne können sich auch Gästefahrer anschliessen.